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Vor 20 Jahren: Kein Loch

cbs 3Ein Mann. Amerikaner. Mit “CBS News” auf seiner Jacke. „Hi, I‘m John Magee. I know Berlin. Both sides. Also know German history and politics. My German is fluent. I can help out.“ Ab nächsten Tag bis zum 23. Dezember von 8 Uhr morgens bis Mitternacht. Jeden Tag. Steigenberger Hotel nahe KuDamm. Fast eine ganze Etage gemietet. Es wimmelte von Leuten. Nachrichtenproduzenten, Journalisten, Technikern, sogenannten fixers (Helfern, „Mädchen für Alles“). Einige Räume waren randvoll mit Technik ausgestattet. Ein kleiner TV-Sender auf der 6. Etage.

Der Chef-Produzent weiß mit mir nichts anzufangen. Ich ergreife die Initiative. Übersetzen. Journalisten und Kamerateams vom Termin zum Termin fahren. Verpflegung holen. Dolmetschen. Alles, was in dem Moment notwendig ist. Ich merke aber – wie sie reden, wie die Interviews laufen, ihre Nachrichtenbeiträge – die kennen den historisch-politischen Kontext nicht. Ich fange an zu erklären, zu analysieren, Basisfakten zu liefern. Damit sie sich orientieren können. Ich verfolge die deutschen Nachrichten. Rundfunk. Fernsehen. Bald rufe ich verschiedene Stellen an, organisiere die Interviews.

Tag aus, Tag ein stundenlang unterwegs in beiden Stadtteilen. Produzenten und Journalisten aus New York, London, anderen europäischen Hauptstädten. Kamerateams aus Deutschland, USA, UK und Israel. Der eine Tonmann aus Israel. Verbittert. „You know what, John. I hate the Germans. I wish I could dig a big hole and throw all of them into it. Then cover it up.“ Kann mich nicht erinnern, wie ich darauf reagierte. Ich Katholik, Amerikaner deutscher, irischer, schottischer Abstammung. Kollektivschuld gibt es nicht. Auch nicht im jüdischen Glauben. Rache. Rachegelüste. Leider allzu menschlich. Haben wir Fortschritt gemacht, wir Menschen?

Ich erlebe, wie Fernsehnachtrichten produziert werden. Bin schwer beeindruckt. Technisch. Inhaltlich jedoch enttäuscht. Seicht. Intelligente Leute. Wollen verstehen, dann erklären. Aber die grundsätzlichen Parameter des Geschäfts. Und Nachrichten sind ein Geschäft. Die Beiträge müssen kurz, bündig, schnell und leicht verständlich sein. Vor allem Bilder. Augenmedium. Fernsehkeule. Hin-, herzappen. Die Augen der Zusschauer behalten. fenton 1Ich sprach Tom Fenton – senior correspondent aus London – an. „Don‘t you get frustrated with the limits of television reporting?“ Er zögert. „Well, yes. It‘s a challenge. Matching words with picture.“ Ich mochte und schätzte Tom Fenton.

Angespannte Atmosphäre die ganze Zeit. So viel zu tun. Inhaltlich enorm spannend. Ich. Amerikaner. Studiere Geschichte und Politik in Westberlin. Schwerpunkt deutsche Nachkriegsgeschichte. „I‘m at the absolutely right place at the right time!“ denke ich. Welch ein Wunder! Das Wetter? Berlin in November und Dezember. Kalt. Klar. Frisch. Alles rau, gleichzeitig menschlich, warm. Man fühlt sich lebendig. Aber kein Widerspruch. Die Menschen wollten Freiheit. Ein Regime, ein System, ein Zeitalter geht zu Ende. Das spürt man. Man wird betroffen, getroffen. Ob man es will oder nicht. Es hängt in der Luft.

Bis 23. Dezember. Keinen einzigen Tag bin ich an der Uni. Überlege gar, das Studium aufzugeben. In der Bibliothek sitzen? Proseminar. Deutscher Thronstreit. Staufer gegen Welfen. Innozenz III. Das Mittelalter. Mein Nebenfach. Einerseits, interessiert es mich sehr. Ich lese mich hinein, zurück, in ein anderes Zeitaltar. Verliere mich, meine Alltagskümmer, kann aus meiner Haut raus, mir selber entkommen. Innozenz IIIAber die Tagegeschehnisse packen mich. Journalist will ich werden. Bilde mir zumindest ein. Ich steige in den Fahrstuhl. Steigenberger. Plaudere kurz mit einem amerikanischen Ehepaar. Der Mann ca. Mitte 70. Jude. Erkenne ich vom Namen, Aussehen, vom Verhalten. Ich erzähle vom Journalismus. „Have you ever written anything as a journalist? High school or college newspaper?“ Nein. Seine Botschaft ist klar. Später rät Ingrid davon ab. Jahre danach lachen wir drüber. gurion adenauer 1Der ältere Herr. Extra nach Berlin gereist, um die Ereignisse hautnah zu erleben. War Anfang der 50er Mitarbeiter von Dean Acheson, US-Aussenminister unter Harry Truman. Freute sich sehr für das deutsche Volk. Man denkt an Ben-Gurion und Adenauer. Versöhnung. Kein Loch, sondern Freude.

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