January 14th, 2010
In der Wissenschaft wie auch in der unternehmerischen Praxis hat sich die Unterscheidung zwischen sogenannten hard und soft factors eingebürgert. Als hard werden diejenigen Faktoren bezeichnet, die das Geschäft unmittelbar beeinflussen. Sie sind Fakten, hart, real, unausweichlich. Man kann sie identifizieren, messen, erfassen, fast anfassen. Die hard factors lassen sich systematisieren. Wissenschaftliche Methoden wurden entwickelt, um sie zu steuern, zu antizipieren, auf sie reagieren zu können. Die hard factors sieht man vor allem in Zahlen, Prozessen, Strukturen, aber auch in Gesetzestexten.

Die Inhalte und Methoden, wie man im Wirtschaftskontext mit den hard factors umgeht, kann man erlernen. Die erforderlichen Kenntnisse erwirbt man im Rahmen eines Studiums, z.B. in Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, Jura, oder den Ingenieurswissenschaften. Unternehmensabteilungen und ganze Dienstleistungssektoren, wie die Unternehmensberatung, befassen sich mit der Systematisierung und Anwendung dieser wissenschaftlichen Methoden.

Bei näherer Betrachtung stellt man jedoch fest, dass die sogenannten hard factors nur bedingt hart und unausweichlich sind. Sie sind unter Umständen flexibel, interpretierbar, manipulier- und steuerbar, dehnbar, sogar veränderbar. Zahlen im Sinne von Statistiken sind bekanntlich manipulierbar, auf jeden Fall interpretierbar. Arbeitsprozesse und Organisationsstrukturen werden in der heutigen Zeit der Globalisierung dauernd modifiziert. Vor allem Managementkonzepte scheinen sich in regelmäßigem Turnus zu ändern, zumindest aber deren Vokabular und Vermarktung, wenn nicht deren grundsätzliche Inhalte. Vieles ist im Fluß, einem permanenten Wandel unterworfen.
Gleichzeitig wird langsam erkannt, dass die sogenannten soft factors viel “härter” als vermutet sind. Bisher wurden diejenige Faktoren als “weich” klassifiziert, die man nicht eindeutig identifizieren, messen, erfassen, systematisieren kann. In der binationalen Zusammenarbeit, z.B. der deutsch-amerikanischen, merkt man schnell, dass der soft factor Kultur, im Sinne von nationaler Kultur alles andere als weich ist. Trotz gemeinsamer Geschäftssprache (amerikanisches Englisch), trotz Verwendung ähnlicher oder sogar gleicher Begriffe, trotz eines grundsätzlichen Konsenses darüber, wie man zusammenarbeiten sollte, erlebt man beim Kollegen aus dem anderen Wirtschaftskontext eine andere Art und Weise zu denken, zu arbeiten, an Probleme heranzugehen, Konflikte auszutragen, zu planen, zu verhandeln, sich zu organisieren, sich die Zukunft vorzustellen.
Solche menschlichen Faktoren, die immer in einem konkreten nationalen Wirtschaftskontext beheimatet sind, deren Wurzeln tief in die soziale, gesellschaftliche und kulturelle Geschichte und das Geschichtsbewußtsein eines Volkes hineinreichen, sind in der Tat mit den in der Wirtschaft praktizierten wissenschaftlichen Methoden schwer zu identifizieren, zu erfassen, zu messen, zu steuern oder einzuplanen. Da sie schwer zu “begreifen”, “zu handhaben”, “festzuhalten” sind, werden sie als weich bezeichnet.

Sie erweisen sich jedoch ebenso als hard factors. “Hart” im Sinne von schwierig, herausfordernd, riskant, eben weil sie sich nicht wissenschaftlich erfassen oder modellieren lassen. Das gegenwärtige Verständnis von sogenannten hard und soft factors in der Wirtschaft, vor allem in der internationalen Zusammenarbeit, ist irreführend. Die bisherigen hard factors erweisen sich in der Realität als soft. Dies, eben weil sie systematisch, methodisch, “wissenschaftlich” zu handhaben sind. Sie sind sozusagen zweidimensional, transparent, durchschaubar. Die Methoden zu deren Handhabung sind nicht nur erlernbar. Sie werden an vielen Hochschulen und Universitäten in vielen unterschiedlichen Ländern angeboten. Jeder, der intelligent genug ist bzw. die Studiengebühren bezahlen kann, kann sie sich aneignen.
Der Faktor nationale Kultur andererseits ist dreidimensional, in höchsten Maße national-kulturell bedingt. In der internationalen Zusammenarbeit ist er der schwierigste, härteste Faktor, die widerständigste Realität, die unausweichlichste Rahmenbedingung. Um mit dem Faktor Kultur umzugehen, muß die Kultur in ihrem spezifischen kulturellen Kontext verstanden werden. Die zu diesem Zweck anzuwendende Methode oder Vorgehensweise muss sich vom gesunden Menschenverstand leiten lassen. Sie ist weder systematisch, noch sollte sie versuchen, ein geschlossenes System zu etablieren oder ein solches vorauszusetzen, wie dies in der Physik oder der Philosophie der Fall ist.
